6
Das Schultreffen fand im Gymnasium von Abottsville statt. Ich musste zugeben, dass es Missy und ihrer Truppe hervorragend gelungen war, den Anlass wirklich märchenhaft zu zelebrieren. Auf der Tanzfläche glitzerten bunte Lichter, und die Wände waren wie die Mauern einer alten Burg gestaltet.
Das letzte Mal war ich zu meinem Abschlussball hier gewesen. Ich hatte den schwarzen Spitzhut mit den Bändern vor Freude so hoch in die Luft geschleudert, dass er erst wieder landete, als ich schon zum Studium nach Toronto gegangen war, um mein Glück in der Großstadt zu suchen.
Es war kurz nach acht, als wir an der Schule eintrafen. Die Veranstaltung sollte bis Mitternacht dauern. Vier Stunden dürften genügen, um ausgiebig in Erinnerungen zu schwelgen, insbesondere da ich mir nun doch große Sorgen wegen der Motive des Roten Teufels machte. Ich versuchte, mich zu entspannen und so zu tun, als wäre alles normal, aber das fiel mir nicht ganz leicht. Das rote Kleid, das Amy mir geliehen hatte, war erheblich kürzer, als ich gedacht hatte, und der tiefe Ausschnitt verdeckte kaum die ziemlich juckende Stichwunde auf meiner Brust. Erst nachdem ich mein Namensschild daneben befestigt hatte, war es ein bisschen besser.
»Was macht George denn hier?«, erkundigte sich Thierry.
Ich blickte auf die Tanzfläche, wo George mir zuwinkte.
»Ach, habe ich dir das gar nicht erzählt? Er hat gefragt, ob er mitkommen könnte, und da habe ich ja gesagt. Ich glaube, er fühlt sich ein bisschen einsam.«
Thierry war, jedenfalls für seine Verhältnisse, so gut gelaunt, dass ich dem Abend keinen Dämpfer versetzen wollte, indem ich ihm verriet, dass der Rote Teufel nach wie vor an meinem Wohlergehen interessiert war.
Vielleicht war es ja noch etwas früh, jedenfalls waren längst nicht so viele Leute da, wie ich erwartet hatte. Und unter den Anwesenden konnte ich auf den ersten Blick niemanden entdecken, den ich kannte.
»Sarah?«, hörte ich jemanden hinter mir sagen. »O mein Gott! Sarah Dearly! Das glaube ich ja nicht!«
Ich drehte mich um. Endlich jemand, den ich wiedererkannte. Ich lächelte die attraktive Frau mit den dunkelroten Haaren und dem schwarzen Etuikleid an, das wie angegossen auf ihrem durchtrainierten Körper klebte. »Claire!« Ich umarmte sie. »Wie schön, dich zu sehen.«
Sie strahlte mich mit einem breiten Lachen an, das ich leider nicht erwidern konnte. Ich hatte so zu lächeln geübt, dass man meine Reißzähne nicht sah, also etwa so zurückhaltend wie die Mona Lisa lächelte.
»Ich habe mich schon gefragt, ob du es wohl zum Treffen schaffen würdest«, sagte sie. »Kannst du dir vorstellen, dass unser Abschlussball bereits zehn Jahre her ist?«
»Nein, kann ich nicht.« Ich blickte suchend auf die Tanzfläche. »Wo stecken denn alle?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ein paar von uns habe ich schon getroffen. Die meisten Männer wollen wohl ihre Glatzen und Bierbäuche nicht zeigen, also kommen wahrscheinlich ohnehin nur die Frauen.«
Ich lachte. »Vielleicht hast du recht.«
»Erzähl, was hast du in der Zwischenzeit getrieben? Was macht die Schauspielerei? Ich habe gehört, du hattest vor, ins Filmgeschäft einzusteigen. Hast du in letzter Zeit in irgendeinem Film mitgespielt?«
»Ich habe meine Pläne geändert.« Ich warf Thierry einen kurzen Seitenblick zu, der höflich etwas Abstand hielt, damit Claire und ich ungestört reden konnten. »Nachdem ich Abottsville verlassen hatte, habe ich gemerkt, dass die Schauspielerei nicht wirklich mein Ding ist. Viel zu oberflächlich.«
Ganz zu schweigen davon, dass es unglaublich hart ist, den Durchbruch zu schaffen, ohne mit Regisseuren oder Produzenten zu schlafen. Selbst für den lächerlichen Maxibinden-Spot hatte ich mit dem Besetzungsagenten ausgehen müssen. Ich hatte sein Ansinnen auf einen flotten Dreier mit seiner »toleranten« Freundin rundheraus abgelehnt und habe danach nie wieder in der Film- oder Werbebranche gearbeitet. Es ist schon seltsam, wie sich die Dinge manchmal entwickeln.
Claire nickte. »Und was machst du jetzt?«
Da meine recht kurze Karriere als persönliche Assistentin und derzeitige Teilzeitthekenkraft nicht sonderlich glamourös klang, entschied ich mich, so vage wie möglich zu antworten. »Ach weißt du, ein bisschen dies, ein bisschen das. Und was machst du? Ich weiß noch, dass du ... was war es noch gleich, Wirtschaftsrecht studieren wolltest?«
»Ja. Und jetzt arbeite ich bei McDonalds in Niagara Falls«, erklärte sie. »Komm bei Gelegenheit vorbei, und ich spendiere dir einen Big Mac.« Sie drehte sich zur Seite und winkte. »Reggie, komm her, ich möchte dir meine Freundin Sarah vorstellen.« Sie wartete einen Augenblick. »Reggie! Jetzt komm endlich!«
Ein nett aussehender, dunkelhaariger Mann trat neben sie. Er hatte Geheimratsecken und trug einen Anzug, der ihm nicht ganz zu passen schien, denn er zupfte ständig an den Ärmeln. »Bin ja schon da, bin ja schon da.«
Ich streckte die Hand aus. »Ich bin Sarah.«
»Freut mich, dich kennenzulernen.« Sein Blick wanderte zielstrebig zu meinem superkurzen roten Rock, bevor er schuldbewusst zu Claire zuckte.
Doch sie achtete gar nicht auf ihn. Stattdessen musterte sie Thierrys Namensschild. »Thhiiierie?« Sie sprach das Th wie ein lispelndes »s« aus. »Was für ein ungewöhnlicher Name.«
Ich schlang meinen Arm um seine Taille. »Das ›h‹ ist stumm. Der Name ist französisch.«
»Ah.« Sie nickte. »Tieeerie.«
»Man spricht es Tyerrie.« Thierry reichte ihr die Hand. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
Sie grinste. »Ihr zwei seid also verheiratet?«
Ich nahm meinen Arm von seiner Taille und hakte mich bei ihm ein. Er war angespannter, als er wirkte. »Nein.«
Sie zeigte mir ihre linke Hand, damit ich den winzigen Diamantring inspizieren konnte. »Ich bin verlobt. Reggie hat mir an Weihnachten einen Antrag gemacht.«
Reggie nickte. »Genau. Ich bin noch nie in meinem Leben so glücklich gewesen.«
Ich fand, dass er eher ängstlich als enthusiastisch klang.
Andererseits kannte ich Claire aus der Schule. Ich wusste, dass sie ihre Freunde gern an der kurzen Leine hielt.
»Meinen Glückwunsch«, sagte ich. »He, wollt ihr mal etwas Komisches hören? Meine Cousine ist im Festausschuss, und eine Frau mit übersinnlichen Fähigkeiten war bei ihr. Sie hat sie vor einer finsteren Vision von der heutigen Nacht gewarnt.«
Das Lächeln verschwand aus Claires Gesicht. »Was für eine Vision?«
»Irgendwo hier sollen finstere Kräfte lauern. Es klang ein bisschen gruselig, und es würde absolut zu der Woche passen, die hinter mir liegt. Aber so weit, so gut. Bislang scheint hier nichts herumzulungern, ganz gleich ob finster oder auch nicht.«
Claire schloss die Augen und streckte die Hände seitlich aus.
»Was machst du denn da?«, erkundigte ich mich verblüfft.
»Warte einfach einen Moment«, riet mir Reggie und nippte an seiner Bowle. »Sie versucht herauszufinden, ob sie in der Aura dieses Ortes etwas Unheilvolles wahrnehmen kann.«
Claire öffnete die Augen und lächelte. »Nein, alles fühlt sich gut an.«
Okaaay.
Wir unterhielten uns noch eine Weile, während allmählich immer mehr Feiernde heranströmten, obwohl es nicht so viele waren, wie ich erwartet hatte. Eventuell hatte es etwas damit zu tun, dass es Februar war. Da die Schule im Sommer umgebaut werden sollte, war das Treffen dieses Jahr vorverlegt worden, da es ansonsten hätte ausfallen müssen. Vermutlich war das zusätzlich der Grund, warum nicht so viele Ehemalige da waren. Es war allgemein bekannt, dass Abottsville im Winter geradezu im Schnee versank, und die Gefahr, darin stecken zu bleiben, dürfte etliche Leute von einem Besuch abgehalten haben.
Schließlich trennten sich Claire und Reggie von uns, um mit anderen Leuten zu plaudern, versprachen aber, später wiederzukommen. An der Seite von Thierry wartete ich darauf, von einer riesigen Nostalgiewelle überschwemmt zu werden, die das Treffen zu einem fantastischen Abend machen und mir helfen würde, mich besser zu fühlen. Eine Stunde später wartete ich immer noch.
George legte eine kurze Tanzpause ein und kam zu uns. Auf seinem Schild prangte der Name »Jim-Bob«.
»Jeder erinnert sich an mich. Offensichtlich war ich ziemlich beliebt.«
»Das warst du eindeutig.«
Ich erinnerte mich an den echten Jim-Bob. Er war tatsächlich ziemlich beliebt gewesen. Seltsamerweise ähnelte George ihm absolut nicht. Jim-Bob war klein, dick und ein extremer Frauenheld gewesen - und ganz eindeutig kein Vampir. Ich hätte schwören können, dass ich letzte Woche in der Zeitung gelesen hatte, dass der echte Jim-Bob in vier Fällen von Internetbetrug vor Gericht gestellt worden war. Vermutlich stand sein Namensschild deshalb heute Abend zur Verfügung.
»Ich verschwinde mal kurz auf die Damentoilette«, erklärte ich Thierry. »Zu viel Bowle.«
Er nickte, beugte sich vor und gab mir einen zärtlichen Kuss. »Ich warte hier auf dich.«
Seine Einsilbigkeit heute Abend sagte mir, dass er sich nicht sonderlich wohl fühlte. Ich beschloss, ihn nicht noch länger zu quälen.
Als ich die Turnhalle in Richtung Waschräume verließ, sprachen mich fünf Leute an, die ich jedoch erst nach einem kurzen Blick auf ihre Namensschilder erkannte. Es war schon erstaunlich, wie sehr Menschen sich in zehn Jahren verändern konnten.
Auf der Damentoilette verschwand ich in der Kabine, die der Tür am nächsten lag, so dass ich nicht an den Spiegeln vorbeigehen musste. Kein Spiegelbild zu haben, warf manchmal Fragen auf, denen ich lieber ausweichen wollte. Zum Beispiel Fragen wie: »Wieso hast du denn kein Spiegelbild?« Das war die häufigste Frage. Und meistens flippte die Person, die sie gestellt hatte, als Nächstes total aus.
Als ich die Kabine wieder verließ, bemerkte ich die blonde Frau, die an der gegenüberliegenden Wand lehnte. Offenbar hatte ich ihre Lieblingskabine besetzt, denn es waren noch zahlreiche andere frei. Aber sie rührte sich nicht, als ich hinaustrat.
»Sarah«, sagte sie stattdessen. »Wie schön, dich zu sehen.«
Ich erkannte sie nicht. Mist. Ich suchte nach einem Namensschild und bemerkte, dass sie gar keins trug. »He, du«, erwiderte ich lahm. »Wie geht’s?«
Sie trug ein enganliegendes blaues Kleid, das einen Playboy-Bunny-Körper notdürftig verhüllte. Ihre Brüste waren garantiert künstlich, und ihre Haare waren so hellblond wie die von Barbie. Sie war ganz hübsch, aber irgendwie auf eine unnatürliche Art.
»Mir geht es fantastisch«, erwiderte sie, dann zögerte sie. »Du erinnerst dich nicht mehr an mich, oder?«
»Doch, klar«, log ich. Ich fühlte mich mies, weil ich jemanden nicht erkannte, der seinerseits ganz offensichtlich genau wusste, wer ich war. »Das ist doch albern. Wie hätte ich dich vergessen können?«
Sie lächelte. »Okay. Wie heiße ich?«
Ich lachte, aber es klang ziemlich gezwungen. »Wieso, hast du deinen Namen etwa vergessen?«
Ihr Lächeln verhungerte vor ihren stark geschminkten Augen. »Nein, das nicht. Aber offenbar bin ich die Einzige hier, die sich daran erinnert. Andererseits ist das eigentlich ganz okay. Früher in der Schule habe ich völlig anders ausgesehen. Zehn Jahre können einen Menschen sehr verändern.«
»Nur mich nicht«, erklärte ich. »Bis auf ein paar Dinge in meinem Leben fühle ich mich, als hätte ich mich kein Stück verändert.«
»Und, findest du das gut?«
»Es kommt wohl darauf an, was man vom Leben erwartet. Ich habe recht gerne eine Verbindung zu meiner Vergangenheit. Das erdet mich irgendwie.«
Und machte mich glücklich. Und halbwegs normal.
Sie nickte. »Ich bin Stacy. Stacy McGraw. Erinnerst du dich jetzt?«
Ich nickte automatisch, nur erinnerte ich mich nicht an sie. Nicht im Geringsten. »Natürlich. Freut mich, dich zu sehen, Stacy. Ich gehe jetzt wieder tanzen.«
Sie blinzelte langsam. »Willst du dir nicht erst die Hände waschen?«
Ich zögerte und warf einen kurzen Blick auf die Spiegel über den Waschbecken. »Klar. Natürlich. Nur habe ich ein kleines Problem mit öffentlichen Waschräumen. Ich glaube, der Fachbegriff lautet: ›Dreckige-Waschbecken-Phobie‹. Mein Freund hat immer eine Flasche Desinfektionsspray dabei. Er hat eine geradezu panische Phobie vor Bakterien.«
»Dein Freund Thierry«, stellte Stacy fest.
»Genau der.«
»Er ist sehr attraktiv.«
»Danke. Finde ich ebenfalls.«
»Wie alt ist er denn? Sechs- oder siebenhundert Jahre?« Sie musterte mich gelassen.
Meine Kehle war wie zugeschnürt. »Er ist gerade sechsunddreißig geworden. Er ist Wassermann.«
Ihr kühles Lächeln verstärkte sich. »Na klar.«
Ich runzelte die Stirn. »Weißt du, ich will dir nichts vormachen. Ich kann mich eigentlich überhaupt nicht an dich erinnern. Bist du sicher, dass wir im selben Jahrgang waren?«
Sie nickte. »O ja. Stell dir vor, ich hätte hundert Pfund mehr auf den Rippen, eine Brille auf der Nase und braune, glanzlose Haare.«
Verdammt. Ich konnte mich immer noch nicht an sie erinnern. Nicht mal, wenn mein Leben davon abgehangen hätte. Doch was sie über Thierry gesagt hatte, hatte mich in Alarmbereitschaft versetzt. Was wollte sie von mir?
Obwohl, eigentlich spielte das keine Rolle. Ich wollte es gar nicht wissen.
»Ich gehe dann mal zurück in die Turnhalle.« Ich trat auf die Tür zu.
Stacy stellte sich mir in den Weg. »Nicht so schnell, Sarah.«
»Was ... was willst du?«
»Nur mit dir reden.«
»Worüber?«
Sie trat noch einen Schritt näher auf mich zu. »Zum Beispiel darüber, dass du ein Vampir bist.«
Mein Mund war wie ausgetrocknet. »So etwas wie Vampire gibt es nicht.«
Sie verzog spöttisch ihre dunkelroten Lippen. »Hast du mit diesem Satz schon häufiger Erfolg gehabt? Oder ahnen die meisten Leute nicht einmal, was du wirklich bist? Nun, ich glaube, ich bin da ein bisschen anders.«
Ich konnte ihr Parfüm riechen. Sie war von einer Wolke »Obsession« von Calvin Klein umgeben.
»Was willst du von mir, Stacy? «
Sie lächelte immer noch. »Das habe ich doch schon gesagt. Ich möchte nur reden.«
Ich kniff die Augen zusammen. »Okay, dann schieß los. Ich will nicht unhöflich sein, aber vielleicht kannst du es kurz machen.«
»Wieso? Hast du es eilig?«
»Es wird nicht allzu lange dauern, bis jemand hier hereinplatzt. Dann dürfte unsere kleine Unterhaltung abrupt unterbrochen werden.«
»Ach, das wird ein bisschen dauern. Vertrau mir, Sarah. Bis ich es mir anders überlege, wird niemand auf die Toilette müssen. Wir sind ganz ungestört.«
Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«
»Ein bisschen Magie, ein kleiner Abriegelungszauber, mehr war nicht nötig.«
»Magie?«
Stacy nickte. »Die Magie, die ich gern in der Schulzeit beherrscht hätte, als ich noch eine absolute Verliererin war und von allen gehänselt wurde.«
Was soll’s?, dachte ich, trat an ein Becken und wusch mir die Hände. Stacy zuckte nicht mit der Wimper, als der Spiegel kein Bild von mir zeigte. »In der Schulzeit war jeder einmal ein Verlierer«, sagte ich. »Alle wurden irgendwann gehänselt. Ich inklusive.«
Stacy lehnte lässig an der grün gefliesten Wand, blickte in den leeren Spiegel und dann zu mir. »Daran erinnerst du dich?«
Ich dachte darüber nach. Ja, die Schule hatte ihre guten Seiten, aber sie hatte auch reichlich viele schlechte Seiten gehabt. So war das eben auf der Highschool. Deshalb war es gut, dass sie nur vier Jahre dauerte.
»Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen Versuch, in die Cheerleader-Gruppe aufgenommen zu werden«, fuhr Stacy fort. »Aber man hat mich ausgelacht und aus der Halle geworfen. Dabei war an meiner Vorführung überhaupt nichts auszusetzen. Ich war halt nur zu dick.«
Ich war in der Cheerleader-Gruppe und erinnerte mich lebhaft, dass zwei dickere Mädchen mit mir in der Gruppe waren. Also täuschte sie sich. Es dürfte weniger an ihrem Gewicht als an ihrer Vorstellung, Haltung und Persönlichkeit gelegen haben. Und wenn der heutige Auftritt typisch für sie war, konnte ich mir ungefähr vorstellen, warum man sie nicht in die Gruppe aufgenommen hatte.
»Es tut mir leid, dass du eine schlechte Erfahrung gemacht hast«, sagte ich.
»Eine schlechte Erfahrung?« Ihre Augen blitzten boshaft auf. »Eine schlechte Erfahrung? Oh, es war mehr als das, Sarah.«
Ich wusste nicht, wieso ich so nervös war. Wenn man die riesigen Möpse einmal außen vor ließ, war das Mädchen kleiner und dünner als ich. So eng, wie ihr Kleid anlag, konnte ich davon ausgehen, dass sie keine versteckten Waffen am Körper trug. Also, was war schon dabei, wenn sie wusste, dass ich ein Vampir war? Als ob ihr irgendjemand glauben würde, selbst wenn sie es der ganzen Schule erzählte!
»Du solltest mir jetzt lieber den Weg freimachen«, sagte ich ausdruckslos. »Mir reicht es.«
Sie musterte mich leicht amüsiert, antwortete jedoch nicht. Ich nahm das als Zeichen, dass die Unterhaltung vorbei war. Ich ging an ihr vorbei zur Tür und drehte den Knauf. Die Tür war verschlossen. Ich warf Stacy über die Schulter hinweg einen bösen Blick zu.
»Mach auf.« Ich war überrascht von der unterschwelligen Drohung in meiner Stimme. Meine gute Laune war dahin.
Sie breitete mit einer scheinbar hilflosen Geste die Hände aus. »Und wenn nicht? Spielst du dann den bösen, fiesen Vampir und beißt mich?«
»Ich bin weder böse noch fies.«
»Aber du bist ein Vampir.«
Ich atmete gereizt aus. »Ich beiße niemanden. Ich habe noch nie jemanden gebissen. Auch wenn ich ein Vampir bin, habe ich mich immer absolut unter Kontrolle. Ich bin nicht schlecht.«
»Du scheinst dir da sehr sicher zu sein.«
»Das bin ich.«
Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Sarah Dearly ist kein schlechter Vampir. Das ist doch typisch für dich! Offenbar hätte es sich auch erheblich schlechter für dich entwickeln können, habe ich recht?«
»Das hätte es, ja.«
»Ich bin aus einem ganz besonderen Grund heute Abend zu dem Treffen gekommen.«
»Ach? Und aus welchem?«
»Um mich zu rächen«, erklärte sie schlicht.
Ich verdrehte die Augen. Ich konnte nicht anders. »Dann viel Vergnügen, Mädchen. Du hast jetzt einen scharfen Körper und kannst dich an jedem rächen, der sich über dich lustig gemacht hat. Ärgere sie, wie sie dich geärgert haben, aber lass mich verdammt noch mal jetzt hier raus.«
»Ich glaube nicht, dass es damit getan ist, sie einfach nur zu ärgern.«
Ich verschränkte die Arme und tippte mit der Fußspitze ungeduldig auf den Boden. »Wenn du mich nicht hier herauslässt, schreie ich mir die Seele aus dem Hals. Und glaub mir, ich kann ziemlich laut schreien.«
Sie drehte sich zum Spiegel um und zog ihren Lippenstift nach. »Lass mich mal nachdenken. Es gibt so viele Möglichkeiten. Wie könnte ich mich zum Beispiel an dir rächen, Sarah? Wie kann ich dir etwas wirklich Schmerzhaftes antun, etwas, das dich wirklich trifft? Es muss einfach perfekt sein.«
Ich runzelte die Stirn. »Weshalb? Was habe ich getan?«
Sie wirbelte zu mir herum und stierte mir direkt in die Augen. »Ich kann nicht fassen, dass du dich nicht einmal daran erinnerst.«
»Ich weiß es nicht.«
»Du warst diejenige, die mich aus dem Cheerleader-Treffen geworfen hat.«
Es fiel mir schon schwer, mir vorzustellen, dass ich jemals Cheerleader gewesen war. Es war so weit von meinem jetzigen Leben entfernt. In letzter Zeit hatte es nur wenig Grund zum Jubeln für mich gegeben. Und der einzige Knaller war die Bombe in meiner Wohnung gewesen.
»Weißt du, wie viele Mädchen damals aufgenommen werden wollten? Und es gab nun einmal nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen.«
Sie zog die Augen ärgerlich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Außerdem bist du natürlich mit dem Jungen zum Abschlussball gegangen, in den ich damals total verliebt war. Du hast mein Leben ruiniert, Sarah.«
»Dein Leben? Das ist über zehn Jahre her. Außerdem wollte ich dich nicht absichtlich kränken. Und wenn es dich tröstet, dieser Trottel hat mich mit der Rechnung für die Limousine sitzen lassen.«
»Wage es ja nicht, irgendetwas Schlechtes über Jonathan zu sagen.« Sie ging langsam um mich herum. »Also, was soll ich mit dir machen? Ich hatte zwar einiges geplant, aber ich denke gerade noch einmal darüber nach. Vielleicht sollte ich stattdessen lieber etwas mit deinem Freund anstellen?«
Ich starrte sie an und ballte beide Hände zu Fäusten. »Wenn du Thierry auch nur anfasst, wird es dir leidtun.«
Sie hob die Brauen. »Du drohst mir ja. Sagtest du nicht, du wärst ein netter Vampir und kein bisschen böse? Aber ich glaube, dass du im Grunde recht hast. In deinem tiefsten Inneren bist du nicht wirklich böse.«
»Das bin ich auch nicht. Aber ich habe das seltsame Bedürfnis, die Leute beschützen zu wollen, die mir etwas bedeuten.«
Sie legte den Kopf schief und lächelte. »Hast du jemals von Nachtwandlern gehört, Sarah?«
Ich runzelte die Stirn. »Nein.«
»Ich glaube, ich bin erheblich gebildeter als du, was allerdings auch nicht weiter überraschend ist.« Ihr Lächeln verstärkte sich. »Frag deinen Freund. Ich bin sicher, er kann dich aufklären. Weißt du, ich bin ganz froh, dass es für dich so gut gelaufen ist. Du hast dich in den letzten Jahren offenbar verändert. Vielleicht bist du nicht mehr so grausam, wie du es in der Vergangenheit warst. Wenn du dich bei mir entschuldigen würdest, könnte ich mir vorstellen, die Entschuldigung anzunehmen.«
»Mich bei dir entschuldigen? Ich glaube nicht, dass ich mich für irgendetwas entschuldigen muss.« Ich seufzte. »Stacy, entspann dich, okay? Wieso verlassen wir nicht diesen Waschraum, trinken ein paar Gläser Bowle und...«
»Halt die Klappe!«, fuhr sie mich an.
Plötzlich bekam ich kein Wort mehr heraus.
»Weißt du, was ich die letzten zehn Jahre gemacht habe?«, fragte sie. »Ich bin nicht mit dem Traum von der Oberschule abgegangen, Schauspielerin zu werden, so wie du. Ich habe mich nicht für das College oder die Universität interessiert, sondern Zauberei studiert. Ich habe gelernt, wie man Glamour erzeugt, damit ich mich selbst schlank und hübsch machen konnte. Doch jedes Mal, wenn mir ein Zauberspruch gelungen ist, wuchs die Dunkelheit in mir.«
»Mmmmmmpff«, stieß ich hervor. Es fühlte sich an, als hätte ich einen Knebel im Mund, aber es war bloß Magie. Magie? Das war doch nicht möglich, oder? Trotzdem spürte ich, wie mir die Magie die Arme bis zu den Füßen hinabkroch und mich auf der Stelle bannte.
Stacys Augen blitzten, als sie lachte. »Und mittlerweile bin ich wirklich gut. Ich kann beinahe alles tun, was ich will. Übung macht den Meister.« Sie legte den Kopf erneut auf die Seite, musterte mein geliehenes Kleid und blickte mir dann ins Gesicht. »In der Schule habe ich dich beneidet. Du warst schön und beliebt. Die Leute mochten dich. Dass ich auch existierte, hat niemand auch nur wahrgenommen. Für dich war immer alles so leicht, selbst ein Vampir zu werden hast du geschafft.«
»Rrlllkk«, knurrte ich. Du bist eine durchgeknallte Zicke, bedeutete das.
Stacy öffnete ihre Tasche und zog ein kleines Glasfläschchen hervor, nahm den Deckel ab und schüttete den Inhalt in ihre rechte Hand. »Du hättest dich entschuldigen sollen, als du die Gelegenheit dazu hattest.«
Es klopfte an der Tür. »Sarah?« Das war Claires Stimme. »Sarah, bist du da drinnen?«
Stacy lächelte mich an. »Sieht aus, als wäre ich nicht die einzige Hexe in der Stadt. Ich sollte mich wohl beeilen.«
Ich bekam große Augen. Was zum Teufel hatte sie vor?
Plötzlich murmelte sie irgendwelche merkwürdigen Worte, etwas Lateinisches. Und das, ohne aus einem uralten Buch abzulesen. Sie schien in der Luft zu lesen, und ihre Augen wurden dunkler. Sie wurden nicht schwarz wie bei einem hungrigen Vampir, sondern dunkelrot. Sie lächelte unaufhörlich, während sie diese Worte sprach, die ich nicht verstand. Ich versuchte, mich zu bewegen, konnte aber nicht einmal den kleinen Finger rühren.
Nach einer weiteren Minute, in der Claire unablässig an die Tür des Waschraums klopfte, verstummte Stacy schließlich. Sie trat einen Schritt auf mich zu und blies mit einem schiefen Grinsen irgendein Puder in mein Gesicht. »Das sollte genügen.«
Ich schloss die Augen und hustete.
Als ich die Augen wieder öffnete, hatte Claire den Waschraum betreten. Sie ignorierte Stacy, die vor mir herumwedelte, sich an ihr vorbeidrängte und verschwand. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich wieder sprechen und mich bewegen konnte.
»Wieso hast du die Tür abgeschlossen?«, fragte Claire mit gerunzelter Stirn. »Und wieso ist dein ganzes Gesicht voller Glitzerzeug?«
Ich fühlte mich, als hätte ich einen Schock. Ich fuhr mir durchs Gesicht und hielt dann meine Hand vor die Augen. An den Fingerspitzen klebte silbriger Glitter.
Ich schluckte. Einen Moment hatte ich ernsthaft geglaubt, sie würde mich umbringen. Mein Herz schlug so heftig, dass ich das Pulsieren hinter meinen Augäpfeln spüren konnte.
»Sehe ich normal aus?«, fragte ich Claire zitternd.
»Ja, bis auf diesen Glitter wirkst du vollkommen okay.«
»Das Mädel, das gerade gegangen ist, Stacy McGraw, hat versucht, mich zu Tode zu erschrecken, was ihr auch verdammt gut gelungen ist.«
»Jetzt ist sie jedenfalls weg.«
»Gott sei Dank.«
»Ist sie eine Hexe?«
Ich blinzelte sie an und versuchte, die unerfreuliche Erfahrung von eben abzuschütteln. »Erraten.« Ich rieb noch einmal an dem Glitter herum.
»Nein, so geht das nicht. Komm her.« Claire führte mich zum Waschbecken. Ich musterte skeptisch den Spiegel, denn er zeigte nur ihr Spiegelbild. Claire klopfte mir auf den Rücken. »Mach dir keine Sorgen. Ich weiß, was mit dir los ist. Das ist nicht weiter schlimm.«
Ich sah sie überrascht an. »Nicht?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe über die Jahre haufenweise Vampire kennengelernt. Die Personalchefin im Micky Dee ist auch einer. Sie ist zwar eine Zicke, aber das hat nichts damit zu tun, dass sie ein Vampir ist.« Sie fing an, den Glitter von meinem Gesicht zu waschen.
»Stacy hat gesagt, du wärst auch eine Hexe.«
Sie nickte. »Ich betreibe das hauptsächlich als Hobby. Falls du jedoch einen Dämon brauchst oder dein Freund sich in eine kleine wilde Kreatur verwandelt hat, bin ich deine Frau.« Sie runzelte die Stirn. »Obwohl ich nicht wusste, dass man auch diesen billigen Glitter aus dem Drogeriemarkt benutzen kann. Ich kaufe immer dieses extrem teure Schattensalzzeug. Was hat sie mit dir gemacht?«
»Ich habe keine Ahnung. Sie hat irgendwas auf Lateinisch geredet und mir dann den Glitter ins Gesicht gepustet.«
»Geht es dir gut?«
Ich dachte einen Augenblick darüber nach. »Abgesehen davon, dass ich zittrig bin, fühle ich mich normal.«
»Egal was sie vorhatte, es hat offensichtlich nicht funktioniert. Anscheinend hast du wirklich Glück gehabt.«
»Wahrscheinlich hast du recht.«
Ein paar Minuten später hatte ich mich mit Hilfe meiner Scherbe nachgeschminkt und ging zögernd zurück zur Tanzfläche. Ich suchte in der Menge nach Thierry und entdeckte ihn in einer Ecke, wo er sich an einem kleinen Glas Bowle festhielt. Als ich ihn fest umarmte, witterte er offensichtlich, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich erzählte ihm kurz, was passiert war.
»Ich glaube, sie hat nur angegeben«, sagte ich. »Ich fühle mich gut.«
Der Blick seiner silbrigen Augen wirkte besorgt. »Sie wusste, dass du ein Vampir bist?«
Ich nickte, dann seufzte ich und schüttelte mich. »Es war gruselig. Aber es spielt keine Rolle mehr. Es ist vorbei. Sie ist verschwunden. Jedenfalls kann ich sie nirgends entdecken.« Ich sah mich in der Turnhalle um. Es war der reinste Totentanz. Die meisten Leute waren bereits gegangen. »Wir sollten hier verschwinden.«
»Eine weise Entscheidung.«
George tauchte vor uns auf. »Ihr geht doch nicht etwa, oder? Wo wir uns gerade so wunderbar amüsieren.«
So viel zu seinem Auftrag vom Roten Teufel, mich im Auge zu behalten. Dafür war er viel zu sehr mit Tanzen beschäftigt. »Du vielleicht.«
»Ach komm schon, nur ein Tanz. Ich habe dir doch versprochen, dass wir uns heute Abend amüsieren.« Er musterte Thierry. »Du hast doch nichts dagegen, oder, Chef?«
Thierry hob eine Braue. »Ein Tanz.«
»Du kannst gern mitkommen, wenn du Lust hast, Chef.«
Thierry lehnte ab, und George zog mich mit fünf oder sechs anderen Paaren auf die Tanzfläche. Sie spielten das beliebteste Tanzstück aus unserer Schulzeit: »Stairway to Heaven«. Es fängt langsam an, und man glaubt, dass man gut darauf tanzen könnte, aber dann ... sechs Minuten später, wenn der Hardrock-Rhythmus einsetzt und du mit jemandem tanzt, der eklig ist und unangenehm riecht, zweifelst du an deiner gesamten Existenz.
Es war eines meiner absoluten Lieblingsstücke.
George wirbelte mich im Kreis herum. »Siehst du? Wir amüsieren uns doch.«
»Ja, schon.« Ich erzählte ihm kurz, was passiert war.
»Darling, du ziehst den Ärger förmlich an. Das scheint in deiner Natur zu liegen. Was sollen wir bloß mit dir machen?«
Ich seufzte. »Ich habe absolut keine Ahnung.«
Er grinste auf mich herunter. »Du warst in der Oberschule also eine Zicke? Das hätte ich nie gedacht.«
Mir wurde richtig warm bei unserer Tanzgymnastik. »Ich wusste nicht, dass ich eine war. Laut Stacy war ich aber eine mannstolle Zicke mit Vorurteilen. Ich kann mich allerdings nur an das Gefühl erinnern, pausenlos gehänselt zu werden. Ich glaube allmählich, dass die Highschool für jeden ein traumatisches Erlebnis ist.«
Ich fächerte mir Luft ins Gesicht. Hatten sie in den letzten paar Minuten die Heizung im Saal hochgedreht?
»Ich hatte mein Schulleben lang Hauslehrer. Das war eine erheblich stärkere Unterdrückung. Wahrscheinlich habe ich heute deshalb so viel für gute Partys übrig.«
»Ja, wahrscheinlich.« Ich legte meinen Kopf an seine Schulter. »Stacy ist offensichtlich verrückt und besessen. Sie wusste sogar, dass ich ein Vampir bin. Sie war überrascht, dass ich noch nie jemanden gebissen habe, und da habe ich ihr erklärt, dass ich kein bisschen böse wäre. Was sie allerdings eher amüsiert zu haben schien.«
»Das klingt wirklich so, als wäre sie eine schreckliche Zicke.«
Ich wich ein Stück von ihm zurück. »Es ist ziemlich heiß hier drinnen oder empfinde nur ich das so?«
Er lehnte sich zurück und betrachtete mich sorgenvoll. »Sarah, was ist mit deinen Augen los?«
Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du? Was ist mit meinen Augen?«
»Sie sind vollkommen schwarz.«
Meine Miene verfinsterte sich noch mehr. »Das ist tatsächlich seltsam.«
Dann schlug ich meine Reißzähne in Georges Hals.